Ratgeber Welcher Bindungstyp bin ich? Eine Orientierungshilfe für die Selbstreflexion
Bindung ist ein Begriff, der oft in Verbindung mit der Kindheit, Beziehungen oder Nähe zu Familie, Partner:innen und Freunden genannt wird. Doch was ist mit dem Wort Bindung gemeint? Warum ist es für unser Erwachsenenleben so bedeutsam zu wissen, welcher Bindungstyp man selbst ist? In diesem Beitrag durchleuchten wir die verschiedenen Bindungstypen und liefern Hinweise, wie sich der eigene Bindungstyp ermitteln lässt.
Das Wichtigste in Kürze:
Lässt sich mein Bindungstyp verändern? Nein, denn wenn du dich mit deinen Bindungsmustern beschäftigst und dir professionelle Hilfe suchst, kannst du dich von alten Tendenzen lösen.
Was sind Bindungstypen?
Der Begriff „Bindungstyp“ stammt aus der psychologischen Bindungstheorie, die ursprünglich von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelt wurde. Sie besagt, dass unsere frühen Beziehungserfahrungen – vor allem mit direkten Bezugspersonen wie Eltern oder Großeltern – einen bleibenden Einfluss auf unser Beziehungsverhalten im Erwachsenenalter haben.1
Bindungstypen unterliegen speziellen Mustern. Diese Muster beeinflussen, wie wir Nähe durch andere Menschen erleben oder zulassen, mit Konflikten umgehen und ob wir uns sicher fühlen, wenn wir anderen Personen emotional nah sind.2 Insgesamt wird zwischen 4 Bindungstypen unterschieden3:
1. Sicherer Bindungstyp
Personen mit einem sicheren Bindungsstil haben in der Regel positive Beziehungserfahrungen gemacht. Sie konnten sich auf ihre Bezugspersonen verlassen, wurden emotional ernst genommen und fühlten sich verstanden sowie gesehen.
Typische Merkmale:
Beispiel: Anna fühlt sich in ihrer Beziehung wohl. Wenn sie sich überfordert fühlt, kann sie das ihrem Partner mitteilen, ohne Angst zu haben, abgelehnt zu werden. Auch wenn sie mal streiten, bleibt ein Grundgefühl von Verbundenheit bestehen.
2. Unsicher-vermeidender Bindungstyp
Dieser Bindungstyp entsteht oft bei Bezugspersonen, die emotional nicht verfügbar oder ablehnend waren. Betroffene Kinder lernen, dass es besser ist, sich zurückzuziehen und nicht oder nur wenig über die eigenen Gefühle zu sprechen.
Typische Merkmale:
Beispiel: Jonas hält Menschen auf Abstand. Sobald sich jemand zu sehr nähert, fühlt er sich eingeengt. Er vermeidet es, über Gefühle zu sprechen, und beendet Beziehungen oft abrupt, wenn es ernst wird.
3. Unsicher-ambivalenter Bindungstyp
Menschen verfügen oftmals über diesen Bindungstypen, wenn die Kindheit unbeständig war: Eltern oder Großeltern waren nur gelegentlich verfügbar, meistens nicht ansprechbar oder kaum anwesend. Trotz gelegentlicher positiver Zuwendung hat das Kind lernen müssen, um Aufmerksamkeit zu kämpfen und entwickelte starke Verlustängste.
Typische Merkmale:
Beispiel: Lea, 18 Jahre alt, schreibt ihrem Freund 20 Nachrichten am Tag und fühlt sich bei jeder verspäteten Antwort unsicher. Sie braucht ständige Rückversicherung, dass er sie noch liebt, was in der Beziehung zu Spannungen führt.
4. Desorganisierter (ängstlich-vermeidender) Bindungstyp
Der desorganisierte Bindungstyp entwickelt sich bei Menschen, die traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit erlebt haben. Nicht selten hat Missbrauch, Vernachlässigung oder widersprüchliches Verhalten der Eltern stattgefunden. Betroffene suchen Nähe und fürchten sie gleichzeitig.4
Typische Merkmale:
Beispiel: Tobias zieht seine Partnerin einerseits stark an sich, aber wenn sie ihm emotional zu nahe kommt, stößt er sie wieder weg. Er fühlt sich in Beziehungen nie ganz sicher. Nähe bedeutet für ihn Risiko.
Ähnlich fühlt sich auch Pia, 32 Jahre alt, die sich in ihrer Partnerschaft immer wieder hin- und hergerissen fühlt:
„Ich weiß oft selbst nicht, was mit mir los ist. Ich wünsche mir Nähe, wirklich. Ich träume von jemandem, der mich versteht, mich hält – aber sobald mir jemand zu nahe kommt, will ich plötzlich weglaufen. Es ist, als würde in mir ein Alarm losgehen: Achtung, Gefahr! Rückzug!
Ich bin dann kühl. Vielleicht sogar abweisend. Aber innerlich bin ich alles andere als kalt. Es tobt ein Chaos in mir. Ich will bleiben – und gleichzeitig verschwinden. Manchmal verhalte ich mich passiv-aggressiv. Nicht weil ich jemandem wehtun will. Ich fühle mich einfach so ausgeliefert, so schwach, dass ich versuche, irgendwie wieder die Kontrolle zu bekommen. Und Kontrolle … das bedeutet für mich: Distanz, keine Erwartungen mehr an mich.“
Wie finde ich heraus, welcher Bindungstyp ich bin?
Du kannst herausfinden, um welchen Bindungstyp es sich bei dir handelt, wenn du eine ehrliche Selbstbeobachtung vornimmst. Halte bei Gelegenheit zur Selbstreflexion kurz inne und hinterfrage deine eigenen Gefühle. Die folgenden Fragen können dir dabei helfen, den passenden Bindungstypen zu finden:
| Beziehungssituation | Sicherer Typ | Vermeidender Typ | Ambivalenter Typ | Desorganisierter Typ |
| Konflikte lösen | Offen, authentisch | Rückzug | Angst vor Problemen | Fehler abstreiten |
| Nähe zulassen | Ohne Angst möglich | Keine Nähe möglich | Angst vor Verlust | Angst vor Nähe |
| Selbstwert zeigen | “Ich bin gut und ausreichend.” | „Ich brauche niemanden.“ | „Ich reiche nicht aus.“ | „Ich bin wertlos und nicht wert, geliebt zu werden.“ |
Wenn du neben diesen Hinweisen noch zusätzlich einen Selbsttest nutzen möchtest, kannst du psychologisch validierte Tests, wie z.B. Adult Attachment Interview (AAI)5 oder Fragebögen wie den Experiences in Close Relationships-Revised (ECR-R)6 nutzen. Diese beiden Optionen liefern dir einen kleinen Einblick, welcher Bindungstyp bei dir vorliegt.
Warum ist es hilfreich, den eigenen Bindungstyp zu kennen?
Wer mehr über sich selbst und seinen Bindungstypen weiß, kann nicht nur vergangene Beziehungen besser verstehen. Es ist auch möglich, Muster zu erkennen und diese stückweise aufzulösen.7 Wer das Gefühl hat, unter seinem Bindungsverhalten zu leiden, weil Beziehungen nur halten und Freundschaften zerbrechen, muss also nicht zwangsläufig mit diesen Mustern leben. Wichtig ist, sich selbst zu reflektieren und im Alltag einen Selbsttest oder eine Checkliste vorzunehmen. Diese könnte folgende Fragen enthalten:
Ist der Selbsttest erfolgt und die Fragen öfters mit einem “Ja” beantwortet worden, kann es hilfreich sein, mit einem unserer psychologischen Berater:innen zu sprechen. In vielen Fällen helfen offene Gespräche weiter, die Hintergründe zu durchleuchten und Problemlösungen zu finden.
Wie kann ich meinen Bindungstypen verändern?
Eine gute Nachricht vorweg: Unser Bindungsverhalten ist formbar. Neue Beziehungserfahrungen, reflektierende Selbsterkenntnis und psychologische Unterstützung sind für dich hilfreich, wenn du dich von alten Erfahrungen sowie Mustern lösen möchtest.
Das ist durchaus von Vorteil. Denn Menschen mit unsicherem Bindungsstil können durch stabile, wertschätzende Beziehungen zu Freunden, Eltern oder Kollegen allmählich mehr Sicherheit entwickeln. Psychologisch nennt man das auch „earned secure attachment“. In diesem Rahmen erarbeiten sich betroffene Personen einen sicheren Bindungstypen. Sie spalten sich von den Bindungserfahrungen, die in der Kindheit angelegt wurden, ab und streben eine bewusste Entwicklung im Erwachsenenalter an.
Dass das möglich ist, zeigt auch die Diplomarbeit von Xiao Hu, Bakk., der in seiner Arbeit anregt: „Trotz der Stabilität der Bindungsmodelle ist Bowlby (1995) der Ansicht, dass der Werdegang nicht „automatisch“ festgeschrieben ist, da eine Veränderung im elterlichen Verhalten im Umgang mit dem Kind durchaus auf seinen weiteren Lebenslauf wirkt. Obwohl die Entwicklungslinie mit ansteigendem Alter „ausdünnt“ (S. 127), können (positive wie negative) Veränderungen zu jeder Zeit erfolgen.“ (https://services.phaidra.univie.ac.at/api/object/o:1303824/get, Seite 16)
Fazit: Bindung verstehen und sich selbst begegnen
Bindung ist kein Schicksal, mit dem du leben musst. Sie hat dich jedoch in der Vergangenheit geprägt. Dein Bindungsstil ist wie ein inneres Navigationssystem zu betrachten. Es bestimmt, wie du Nähe zulässt, mit Unsicherheiten umgehst und deine Beziehungswelt erlebst.
Indem du dich mit deinem Bindungstyp auseinandersetzt, machst du einen ersten, mutigen Schritt zu einem bewussteren Beziehungsverhalten. Mit der Hilfe unserer psychologischen Berater:innen gelingt es dir zudem, mehr Selbstakzeptanz, Klarheit und Verbindung zu dir selbst und den Menschen um dich herum zu gewinnen. Denn: Verstehen ist der erste Schritt zur Veränderung und zu einem befreiten, selbstbestimmten Leben.
Psychologische Online-Beratung als unterstützender Weg
Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiederfindest und den Wunsch nach Veränderung hast, kann eine psychologische Online-Beratung ein wertvoller erster Schritt sein. Sie bietet dir einen sicheren und flexiblen Raum, um deine Beziehungsmuster zu erkunden, um hilfreiche Dynamiken zu verstehen und um neue Wege für erfüllendere Beziehungen zu entwickeln.
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FAQ
Wie finde ich heraus, welcher Bindungstyp ich bin?
Bereits in der Kindheit wird die Grundlage für deinen Bindungstypen festgelegt. Diese Erfahrungen nimmst du mit bis ins Erwachsenenalter. Mit einem Selbsttest oder einer Checkliste kannst du ermitteln, welcher Bindungstyp bei dir vorliegt.
Gibt es verschiedene Bindungstypen?
Insgesamt gibt es 4 verschiedene Bindungstypen. Neben dem sicheren Bindungstypen gibt es den unsicheren, den ambivalenten und den desorientieren Bindungstypen.
Ist es möglich, den Bindungstypen zu ändern?
Es ist durchaus möglich, alte Muster zu durchbrechen. Du musst also nicht zwangsläufig mit den alten Beziehungsweisen leben. Dazu ist es wichtig, sich selbst zu reflektieren und Unterstützung anzunehmen.
Wie kann ich meinen Bindungstypen verändern?
Manchmal kann ein tiefgründiges Gespräch helfen, neue Erkenntnisse zu erlangen. Unsere psychologischen Berater:innen helfen dir dabei, deine Muster zu erkennen und neue Strategien zu entwickeln, die dir dabei helfen, deine Bindungsfähigkeit für ein erfülltes Liebesleben nachhaltig zu verändern.
Quellen:
1 Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development
2 Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2007). Attachment in adulthood: Structure, dynamics, and change. Guilford Press.
3 Bartholomew, K., & Horowitz, L. M. (1991). Attachment styles among young adults: A test of a four-category model. Journal of Personality and Social Psychology, 61(2), 226–244
4 Lyons-Ruth, K., & Jacobvitz, D. (2016). Attachment disorganization: Genetic factors, parenting contexts, and developmental transformation from infancy to adulthood. In J. Cassidy & P. R. Shaver (Eds.), Handbook of attachment: Theory, research, and clinical applications (3rd ed., pp. 667–695).
5 George, C., Kaplan, N., & Main, M. (1996). The Adult Attachment Interview. Unpublished manuscript, University of California, Berkeley
6 Fraley, R. C., Waller, N. G., & Brennan, K. A. (2000). An item response theory analysis of self-report measures of adult attachment. Journal of Personality and Social Psychology, 78(2), 350–365
7 Roisman, G. I., Padrón, E., Sroufe, L. A., & Egeland, B. (2002). Earned-Secure Attachment Status in Retrospect and Prospect. Child Development, 73(4), 1204–1219