Ratgeber Desorganisierte Bindung: Ursachen und Folgen für Beziehungen

Die desorganisierte Bindung zählt zu einem der 4 Bindungstypen. Neben dem desorganisierten Bindungstypen gehören unsicher-vermeidende Bindungstypen, sichere Bindungstypen und unsicher-ambivalente Bindungstypen. Diese Bindungstypen entstehen in der frühen Kindheit, wie der Psychoanalytiker John Bowlby und seine Mitarbeiterin, die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausgefunden haben. Doch was genau ist unter desorganisierter Bindung zu verstehen und welche Auswirkungen hat sie auf das spätere Leben und Beziehungen?

Bildquelle: iStock / Gustavo Fring

Das Wichtigste in Kürze:

  • Was ist desorganisierte Bindung? Die desorganisierte Bindung wird bereits im Kindesalter entwickelt und entsteht, wenn Kinder regelmäßig Stress und Unsicherheit durch Eltern oder andere Bezugspersonen (Großeltern) ausgesetzt sind. Familiäres Chaos, Traumata, Gewalt oder Missbrauch durch Bezugspersonen können im Erwachsenenalter verhindern, dass sichere Beziehungen möglich sind. 
  • Wie lässt sich desorganisierte Bindung erkennen? Menschen, die desorganisierte Bindung aufweisen, wünschen sich Liebe, weisen Zuneigung jedoch wieder ab. Sie sind zwischen ihren Gefühlen hin- und hergerissen. 
  • Ist eine Liebesbeziehung möglich? Personen mit desorganisiertem Bindungsstil wünschen sich Liebe, können aber kein Vertrauen aufbauen. Eine Beziehung lässt sich deshalb kaum aufrechterhalten. 
  • Lässt sich desorganisierte Bindung in sichere Bindung umkehren? Desorganisierte Bindungsmuster sind von Konflikten geprägt. Durch intensive Gespräche lassen sich Ängste sowie Unsicherheiten auflösen und die Chance, zu einem sicheren Bindungstypen zu gelangen, erhöhen.

Was bedeutet desorganisierte Bindung?

Wenn von desorganisierten Bindungstypen die Rede ist, wird von einem ängstlichen und eher vermeidenden Bindungsstil gesprochen. Das Bindungsverhalten wird als inkonsistent, also als widersprüchlich bezeichnet. Dabei schwanken Personen mit diesem Bindungsstil zwischen den Extremen „Verlangen“ und „Ängstlichkeit“. 

Diese Form des Bindungsstils entwickelt sich in der Regel dann, wenn Bezugspersonen wie Eltern oder Großeltern mit der Kindererziehung überfordert sind.1  Die Bezugspersonen sind meistens selbst traumatisiert oder stark belastet. Sie möchten ihren Nachwuchs nicht bewusst verletzen, sind aber nicht in der Lage, anders zu handeln. Neben Stimmungsschwankungen können 

  • Suchterkrankungen,
  • psychische Belastungen wie Traumata, 
  • Gewalt,
  • Missbrauch,
  • Vernachlässigung,
  • familiäres Chaos,
  • Überforderungen

und gegensätzliche Kommentare wie „Ich liebe dich, aber bitte stör mich jetzt nicht.  Geh weg!“ den desorganisierten Bindungstypen fördern.2  Daraus kann das betroffene Kind keine sichere Bindung entwickeln. Es ist verunsichert, sucht immer wieder den Kontakt zu seinen Bezugspersonen, merkt jedoch, dass niemand da ist. Kinder können dementsprechend kein Vertrauen aufbauen, erhalten kein Gehör und können ebenso kein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln.3  

Der Autor Alex Kingsman erklärt in seinem Buch „Desorganisierte Bindung“ wie dieser Bindungsstil das Erwachsensein formt: „Unsere Kindheitserfahrungen und die Beziehungen zu engen Bezugspersonen haben einen großen Einfluss auf unsere späteren zwischenmenschlichen Bindungen. Die Art und Weise, wie wir mit anderen in Kontakt treten, wird stark davon geprägt, wie unsere Mutter oder primäre Bezugspersonen auf unsere Bedürfnisse reagieren.  Diese früheren Erfahrungen legen den Grundstein dafür, wie wir Bindungen im weiteren Leben gestalten.“ (Aus dem Werk: Desorganisierter Bindungstyp Help: Wie man intensive Emotionen als Kraftquelle zur Befreiung von ängstlich-vermeidenden Bindungsstil nutzt, S. 7)

Das Ergebnis ist ein Kind, das bemerkt, dass es nicht erwünscht ist und vermeidet die Nähe zu Eltern, Großeltern oder anderen Leitfiguren. Doch nicht nur die Seele leidet –  häufig kommen auch körperliche Beeinträchtigungen wie Schlafstörungen oder ständige Unruhe hinzu. 

Woran lässt sich desorganisierte Bindung erkennen?

Kinder, die einen desorganisierten-unsicheren Bindungsstil aufbauen, weisen kein eindeutiges, klar erkennbares Bindungsverhalten auf. Ihre Reaktionen und Handlungen auf Bezugspersonen wie Eltern, aber später auf Lehrer und Freunde, stellt eine Mischung aus Vertrauensversuchen und Widerstand dar.4  Die Kinder werden als verwirrt bezeichnet. Sie wirken teilweise aufgeschlossen, dann jedoch wieder in sich gekehrt und ängstlich. Wird keine Hilfe oder Unterstützung in Anspruch genommen, bleibt der desorganisierte Bindungsstil bis ins Erwachsenenalter erhalten. Erwachsene haben meistens 

  • Schwierigkeiten, sich anderen Menschen anzuvertrauen, 
  • Probleme,  ihre Gefühle nicht kontrollieren,
  • Angst vor Ablehnung und Enttäuschung,
  • Scheu vor anderen Menschen

und weisen insgesamt ein ambivalentes Verhalten auf. Das bedeutet, dass die Gefühle dauerhaft durcheinander zu sein scheinen. Das kann nicht nur das alltägliche Leben und somit das Zusammentreffen von Familie, Freunden und Kollegen beeinflussen. Auch in Liebesbeziehungen tun sich Schwierigkeiten auf.5  

Können Menschen mit diesem Bindungsstil Liebesbeziehungen aufbauen?

Personen, die eine desorganisierte Bindung aufweisen, wirken auf ihre Mitmenschen und ihr Umfeld sehr emotional. Sie erscheinen anhänglich und ständig auf der Suche nach Liebe. Gleichzeitig sind sie unnahbar und stoßen die Liebe, die ihnen entgegengebracht wird, aktiv von sich weg. Sie sind der Ansicht, dass sie emotionale Nähe und somit Liebe nicht aufrecht erhalten können oder verdient haben.6  

Noel, 34 Jahre alt, berichtet, wie es in ihm aussieht, wenn er emotionale Nähe zulässt:

„Okay … ähm … ich weiß gar nicht so recht, wie ich anfangen soll. Irgendwie … hm … ich merke gerade, wie komisch sich das anfühlt. Also… manchmal bin ich so sicher, dass ich ihr vertrauen kann, und im nächsten Moment hab’ ich das Gefühl, sie will mir nur wehtun oder mich verlassen. Es ist … anstrengend. Ich will ihr nah sein, aber sobald sie zu nah kommt, will ich weglaufen. 

Und wenn sie geht, krieg ich Panik und will sie sofort zurückholen. Ich hasse das. Ich hasse mich dafür. Aber ich kann’s nicht abstellen.

Ehrlich gesagt … ich weiß oft nicht mal, ob meine Gefühle überhaupt „richtig“ sind. Mal bin ich total überschwänglich und klammer mich an jeden Blick, und dann wieder … als würde ich am liebsten verschwinden und nichts mehr fühlen. Und selbst jetzt frage ich mich, ob ich übertreibe.“

Menschen mit desorganisierter Bindung fürchten sich vor Beziehungen. Sie sind der Ansicht, dass Bindungen jeder Art als „unberechenbar“ gelten. Sie wünschen sich zwar Liebe, möchten aber auf keinen Fall auf Ablehnung stoßen. Betroffene Menschen sind buchstäblich zwiegespalten und wünschen sich Sicherheit und Liebe, haben jedoch große Angst, enttäuscht zu werden.7 

Lässt sich eine desorganisierte Bindung in eine sichere Bindung verändern? 

Es steht außer Frage, dass frühere Beziehungen in der Kindheit eine eminente Rolle in unserem Erwachsenenleben spielen. (s. Bowlby) Wenn du mehr über deinen eigenen Bindungstypen wissen möchtest, kannst du unseren Selbsttest nutzen. Mit konkreten Fragen und der Beantwortung verschiedener Fragen lässt sich ermitteln, welcher Bindungsstil bei dir vorliegt: 

  • Ich bin gut, so wie ich bin – ich werde geliebt.” ← sicherer Bindungstyp
  • Ich habe Liebe nicht verdient und brauche ich sie auch nicht.” ← vermeidender Bindungstyp
  • Ich möchte Liebe, aber ich bin nicht gut genug.” ← ambivalenter Bindungstyp
  • Was genau ist wahre Liebe eigentlich?” ← desorganisierter Bindungstyp. 

Wenn du dich mit diesen Fragen auseinandersetzt, kannst du deinen eigenen Bindungstypen besser ermitteln. Wenn auf dich die desorganisierte Bindung zutrifft, kann es hilfreich sein, sich über das Thema zu unterhalten. Mithilfe von nahestehenden Personen und psychologischen Berater:innen sowie neuen positiven Erfahrungen lässt sich stückweise aus dem desorganisierten Bindungsstil ein sicherer Bindungsstil entwickeln. 

Die sichere Bindung ist bedeutsam, damit du eine vertrauenswürdige Beziehung zu anderen Menschen aufbauen kannst. Mit unseren Beratungen erhältst du jedoch nicht nur Hinweise, dass Sicherheit und Vertrauen wichtige Merkmale für eine sichere Bindung sind. Sie liefern dir auch Hilfestellung, eine positive Selbstwahrnehmung zu entwickeln, die für die sichere Beziehungsgestaltung maßgeblich ist. 

Lana, 28 Jahre alt, befindet sich in psychologischer Behandlung und teilt ihre Erfahrungen mit: 

„Früher hätte ich jetzt wahrscheinlich gezögert, ob ich das überhaupt erzählen soll,
weil ich ja nicht sicher gewesen wäre, ob man mich wirklich versteht oder ob ich mich nur lächerlich mache. Aber jetzt … ist es anders. Ich merke, dass ich mir mehr zutraue. Früher war Nähe für mich so ein ständiges Hin-und-Her: erst dieses starke Bedürfnis, ganz nah zu sein, und dann plötzlich diese innere Stimme, die sagt: „Pass auf! Zieh dich zurück, bevor’s weh tut.“

Heute fühlt sich das … ruhiger an. Wenn man mal nicht sofort antwortet, spüre ich zwar kurz dieses alte Ziehen im Bauch, aber ich kann es einordnen. Ich weiß: Das hat nichts mit meinem Wert zu tun. Ich kann warten, ohne in Panik zu geraten. Ich fühle mich … sicher. Nicht, weil ich jetzt „perfekt“ bin, sondern weil ich gelernt habe, dass Beziehungen Brücken sind, keine Seile, die reißen, sobald man sich bewegt.“

Ziel ist es, deine eigenen Gefühle wahrzunehmen, sie einzuordnen und bei Bedarf auszugleichen. Das bedeutet, einen kleinen Moment innehalten und überlegen, warum du so fühlst, wie du fühlst. Dabei kann eine Pause und bewusstes Ein- und Ausatmen helfen. Dadurch lernt dein Nervensystem, dass nicht jeder Kontakt und jede Form von Nähe bedrohlich ist. 

Gleichzeitig kannst du dir bewusst machen, dass du deine positiven Gefühle nicht abwehren musst. Durch diese Maßnahmen ist es möglich, deine eigene Selbstwahrnehmung zu stabilisieren und die Überforderung, die sich gelegentlich aufbauen kann, zu neutralisieren. 

Fazit: Desorganisierte Bindung wird erlernt und lässt sich durchaus umkehren

Mit dem Verständnis, dass dein Bindungsstil veränderbar ist, kannst du Mitgefühl für dich selbst entwickeln. Diesen Weg musst du jedoch nicht alleine gehen: Unsere psychologischen Berater:innen helfen dir, den Prozess vom desorganisierten Bindungstypen zum sicheren Bindungstypen zu durchlaufen. Wenn du Unterstützung suchst: Unsere Berater:innen begleiten dich gern auf deinem Weg und finden gemeinsam mit dir passende Lösungen, die auf dich und deine Bedürfnisse zugeschnitten sind. 

FAQ

Was ist ein desorganisierter Bindungstyp? 

Der desorganisierter Bindungstyp stellt ein Bindungsmuster dar, bei dem Personen sowohl Nähe in Beziehungen suchen, diese aber gleichzeitig meiden. Dies führt zu widersprüchlichem Verhalten und Schwierigkeiten, stabile wie sichere Beziehungen zu bilden. 

Wie entwickelt sich der desorganisierte Bindungstyp?

Bindungstypen entstehen bereits in frühen Kinderjahren. Kinder mit einem desorganisierten Bindungsstil weisen oft unvorhersehbare, chaotische Verhaltensmuster auf. Sie empfinden oft inneres Chaos, wünschen sich Liebe, wissen aber nicht, wie sie diese erhalten können.

Wie äußert sich der desorganisierte Bindungstyp bei Erwachsenen?

Erwachsene mit einem desorganisierten Bindungstyp, sehnen sich nach Nähe, haben aber enorme Verlustangst. Sie haben zudem Schwierigkeiten, anderen Menschen zu vertrauen und stehen dem Thema Liebe oft misstrauisch gegenüber. 

Ist es möglich, den Bindungstypen zu verändern?

Menschen können ihren Bindungsstil verändern, indem sie neue Erfahrungen machen, mit psychologischen Berater:innen zusammenarbeiten und an ihren eigenen Bindungsmustern arbeiten.


Quellen

1 Main & Solomon (1990) über gleichzeitig aktiviertes Bindungs‑ und Furchtsystem; Double‑bind durch traumatisierte Eltern

2 Buchheim, A., & Jacobvitz, D. (2016), Desorganisierte Bindung und körperliche Gesundheit, Schwerpunkt: Der Körper in der Psychotherapie

3 Main, M., & Solomon, J. (1990). Disorganized attachment in infants emerges when the attachment and fear systems are simultaneously activated, resulting in contradictory behaviors such as simultaneous approach and avoidance, freezing, or dissociation

4 Frontiers in Psychology (2022). Adults classified as unresolved/disorganized (U/d) on the Adult Attachment Interview (AAI) exhibit distinctive in-session discourse styles, and U/d classification is most closely associated with psychological dysfunction in adults

5 Rholes, W. S., et al. (2016). Disorganized attachment in adulthood mediates the relationship between early trauma and adult outcomes, particularly in romantic relationships.

6 Verywell Mind (Allure article, 2022). Disorganized attachment, first introduced by Main & Solomon (1986)7 Flemming, E., Lübke, L., Müller, S., Rümler, L. P. S., & Spitzer, C. (2023).Validierung der deutschsprachigen Version der Adult Disorganized Attachment Scale (ADA‑D)

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